Neuseeland West Coast: Wanaka – Okarito

Nach der schönen, aber kalten Catlins-Küste im Südosten nun die schöne, aber nasse, kalte und wilde Westküste: eine gewisse masochistische Neigung ist dieser Routenplanung nicht ganz abzusprechen, schliesslich könnte man ja auch im Norden der Nordinsel bei subtropischen Temperaturen von Badestrand zu Badestrand, oder in Marlborough an der Sonne von Weingut zu Weingut radeln. Dennoch möchten wir die – teilweise anstrengende – Fahrt an der neuseeländischen Westküste der Südinsel, von Wanaka bis Punakaiki, jedem Biker empfehlen.Schliesslich erlebten wir spektakuläre Landschaften – und Wetterglück: der doch eher abschreckende Ruf der Westküste (Regen, Gegenwind, Sandflies, noch mehr Regen) bewahrheitete sich nur sehr beschränkt, da einzig die Sandflies sich als zuverlässig entpuppten und vor Ort aufwarteten, ganz im Unterschied zu Gegenwind oder Regen, die wir nur an je einem halben Tag auf diesen ca. 650 Kilometern Fahrt antrafen.

Wanaka
Als Ausgangspunkt der Westküstenfahrt sollte Wanaka dienen – für über 400 Kilometer der letzte Ort mit einem Supermarkt oder einem Bikeshop. Aufgrund der sehr guten Erinnerung an den ersten Abend dort führte uns der erste Abend gleich wieder ins «Relishes Cafe» (das «White House» soll ebenfalls einen Besuch wert sein). Zum guten Glück, muss man sagen, denn das dumpfe Vorgefühl, dass sich kulinarisch die nächsten paar hundert Kilometer als bescheidener erweisen würden, war leider absolut korrekt.
Versuchen, dem durch eigene Anstrengungen entgegenzuwirken, waren insbesondere in den Campgrounds wenig Erfolg beschieden: mit nur einem Benzinfeuerchen und einer einzigen Pfanne bleiben Höhenflüge in der Küche recht bescheiden, zumindest verglichen mit dem wunderbaren, in Tequila marinierten Lachs oder butterzart zergehender Ente in Relishes. Immerhin haben wir, teilweise sogar erfolgreich, versucht, den Standard im önologischen Bereich einigermassen zu halten und, streng wissenschaftlich und einzig im Interesse der allfälligen Leserschaft dieser Seiten natürlich, eine stattliche Anzahl neuseeländischer Pinot Noirs verkostet.
Die Ortschaft Wanaka zeigte sich wiederum von ihrer besten Seite, mit strahlend schönem Wetter, Blick auf die Berge hinter dem blauen See durch absolut klare, reine Luft, und einer entspannten Ferienatmosphäre. Nebst dem schon mehrfach erwähnten Cafe – dessen Frühstückskarte übrigens auch sehr zu empfehlen sind: die «Eggs Benedict» hatten meines Erachtens Weltklasse – ein weiterer Höhepunkt: das wunderbare Lokalkino, das «Cinema Paradiso». Eklektische Programmierung, eine Bestuhlung, die ausser einem alten aufgeschnittenen Oldtimer-Auto ausschliesslich aus alten Sofas besteht, die witzige, erfrischend unernste Dekoration mit einem ausbrechenden Riesenaffen samt vermutlich blonder Schaufensterpuppe, hausgemachte, leckere und erstaunlich mässig gezuckerte Glacés, eine einfache Karte mit Sushi- und Pizza-Angeboten, Bier aus der lokalen Microbrewery von Wanaka sowie Weine im landesüblich grosszügig portionierten Glas: so stelle ich mir ein zivilisiertes Kino vor (einzig: Finger weg vom angebotenen Pinot Noir).

Lake Hawea und Lake Wanaka
Nach dem etwas schwermütigen Abschied vom beschaulichen Wanaka geht die Fahrt zuerst am Lake Hawea entlang, bevor die Strasse wieder an den Lake Wanaka stösst, um diesem in Richtung Makaroa und Haast Pass zu folgen. Da sich der Himmel zusehends verdüsterte, teilweise sogar leichter Regen zu fallen anfing, hielten wir einige Kilometer vor dem ursprünglich in Makaroa geplanten Halt auf einem malerisch gelegenen DOC-Campground «Windy Point», der seinen Namen leider nicht ganz zu Unrecht erhalten hat, wie sich in der Nacht und am nächsten Morgen noch zeigen sollte. Vorerst aber waren wir guter Dinge, umso mehr als auf dem Campground völlig unerwartet plötzlich Teresa auftauchte, eine deutsche Bikerin, welche wir einige Wochen zuvor in Kaka Point getroffen hatten, und die in den nächsten Wochen immer wieder mal unseren Weg kreuzte. Zusätzlich schien der Regen bald wieder vorbei zu sein, der Himmel öffnete sich für einen ziemlich spektakulären Sonnenuntergang, und es gab ein (den Umständen entsprechend) leckeres Lamm-Curry. Die Nacht war dann allerdings eher unruhig – nicht wegen des Curry, sondern weil zunehmend ein heftiger Wind zu blasen begann, der das Zelt durchschüttelte bis die Zeltstangen sich bogen.

Am Morgen dann bewahrheitete sich, was in der Nacht sich abzuzeichnen begonnen hatte: der Wind blies genau aus der Richtung, in die wir fahren mussten. Entsprechend langsam war dann auch das Vorwärtskommen auf der häufig völlig ungeschützten Strasse – im Kriechtempo arbeiteten wir uns innert 2 Stunden die circa 12 Kilometer vorwärts bis zum Touristencafé gleich vor Makaroa, in dem die Horden aus den grossen Reisecars im Viertelstunden-Rythmus Heuschrecken gleich einfallen, um das Buffet zu stürmen.

Haast Pass
Nach Makaroa beginnt die Strasse dankenswerterweise teilweise durch Wald zu führen, was das Tempo merklich verbesserte. Der Aufstieg zum Haast Pass dann, im Reiseführer düster drohend umschrieben, war dann überraschend schnell – als Schweizer ist man es sich wohl einfach nicht gewohnt, dass 300 Höhenmeter einen Pass darstellen sollen. Dass es sich um einen solchen handelt, wird allerdings auf der anderen Seite schnell und unmissverständlich klar: mit einem Neigungsgrad, der 15 Prozent erreicht, und einer mehrfach angekündigten steilen Rampe für Fahrzeuge, deren Bremsen dem nicht standzuhalten vermögen («Run Off Vehicles»), gleicht die Strecke psychologisch teilweise eher einem Bungee-Sprung – wobei die immer wieder zu überquerenden Viehgitter auf der Strasse mit den spitz hervorstehenden Schraubenmuttern das Vertrauen in die Haltbarkeit der dünnen Fahrradreifen auch nicht unbedingt vergrössern.

Wer die Strecke fährt und sich am Talboden angekommen schon in der Nähe des Zieles, nämlich des Weilers Haast und somit der Küste zum Tasmanischen Meer, wähnt, freut sich zu früh, denn es gilt noch über 50 Kilometer über eine sich beständig um die Füsse der Berge windende, immer wieder das Ziel frustrierend weiter in die Ferne rückende Strasse zurückzulegen. Wir empfehlen auch aus diesem Grund, sich im DOC-Zeltplatz am Fusse des Haast-Pass zur Nachtruhe niederzulassen – der andere Grund ist der, dass die Ortschaft Haast wenig erfreuliches zu bieten hat, wobei ich das Zelten beim Backpacker «Haast Highway Accomodation» sogar als Zumutung bezeichnen würde.

Westküste
Um so erfreulicher ist es, die Strecke nach der langen, einen unglaublich breiten Fluss überquerenden, und wie so häufig in der extrem schwach besiedelten Westküste nur einspurig befahrbaren Brücke über den Haast River zu fahren: dichter Urwald, immer wieder durch schöne Ausblicke auf das weiter unten meist wild tosenden Meer unterbrochen. Einmal mehr bildete ein DOC-Campground, namentlich derjenige am Lake Paringa, die ideale Ergänzung: völlige Stille und Abgeschiedenheit, keinerlei zivilisatorischer Komfort ausser einigen Holztischen und Plumpsklo. Allerdings geniessen auch Sandflies am Abend das schöne Panorama und schwärmen in Grossfamilienausflügen zu den leckeren, durch das Pedalieren frisch aufgewärmten und und mit reichlich Blutzirkulation versehenen, frischen Nahrungsquellen, bevor sie bei Sonnenuntergang im Schichtwechsel durch die ebenso zahlreichen und hungrigen Moskitos abgelöst werden.

Aus dem eng freundschaftlichen Kontakt zur lokalen Tierwelt sowie aus in Reiseführern beschriebenen Restaurants in wenigen Kilometern Nähe die falschen Schlüsse ziehen zu wollen, namentlich dass man ja eine warme Mahlzeit bei Tisch in einem geschlossenen Raum zu sich nehmen könnte, zeigt den blutigen Neuling und/oder Tagträumer: wie wir nicht zum letzten Mal erfahren mussten, schliesst die West Coast zwischen vier und fünf Uhr nachmittags, und danach ist zwischen Wanaka und Hokitika offenbar nicht mehr viel zu wollen.
Dennoch, am Morgen entschädigt ein in fast völliger Stille glatt wie ein Spiegel da liegender See für die Unbill des Abends – zumindest bis die ersten Campervans davonfahren, oder bis der erste Tourbus lautstark einfährt, um eine Ladung Touristen auszuladen, die sich sogleich ans Knipsen machen – schliesslich haben sie auch nur 10 Minuten Zeit, bevor es in der grossen «Kiwi Adventure» weitergeht.

Die Strasse führt hier, wie in grossen Teilen der West Coast, durch unberührten, dick und undurchdringlich scheinenden Regenwald, aus dem immer wieder die Kronen mächtiger alter Bäume hervorragen, welche meist durch alle möglichen Arten von parasitären Pflanzen bewachsen sind. Aus dem dichten Grün trällern, pfeifen, singen, gurren und kreischen die Vogelwelten Neuseelands ihre teilweise fremdartigen, meist aber irgendwie beruhigenden Gesänge (Ausnahme: der Vogel, der wie ein piepender Reisewecker im Halbminutenabstand tutet). Diese Wälder bilden klar einen Höhepunkt der Reise… und übrigens auch einen Grund, dass die Reiseart «Fahrrad» empfohlen werden kann, denn mit Auto, Camper oder Reisebus bekommt man von der Pracht weniger mit. Vor allem etwas mehr im Norden ist ein weiterer Vorteil der langsamen Fortbewegung an der frischen Luft, dass man den Geruch des Waldes unmittelbar mitbekommt – zum Beispiel, wenn man in der Nähe von duftenden Eukalyptus-Bäumen durchfährt.

Ausser den bis weit in den Regenwald hineinreichenden Gletscherzungen, welche natürlich auch Grund für die Bekanntheit, ja sogar für die Existenz dieser zwei Orte sind, besteht in Fox Glacier und Franz Josef Glacier wenig Grund zum Anhalten: beide Orte sind Touristendörfer aus der Retorte. Einzig die Präsenz der Keas, der einzigen im Gebirge lebenden und wohl frechsten, neugierigsten und hungrigsten Papageien der Welt, sticht noch heraus. Die Viecher sind nämlich nicht nur laut, sondern auch berühmt und berüchtigt dafür, dass sie Autos und bei sich bietender Gelegenheit auch Fahrräder auf der Suche nach Essbarem attackieren und deren Weichteile (alles was nicht aus Metall gefertigt ist) mit ihren sehr kräftigen und spitzen Schnäbeln anknabbern und nach Möglichkeit zerfetzen. Durch Reiseberichte vorgewarnt, haben wir unsere Bikes im Backpacker in Fox deswegen über Nacht abgedeckt; sie haben die Nacht denn auch unbeschadet überstanden.

Okarito
Etwa 20 Kilometer nach Franz Joseph Glacier, an einem weiteren schönen See mit idyllisch gelegenem DOC-Campground vorbei, zweigt eine diskrete kleine Strasse zu einem Höhepunkt der ganzen Westküste ab: dem Kleinst-Ort Okarito mit seinen geschätzt zwei Dutzend Einwohnern. Auf dem Weg dorthin führt der Weg durch ein Naturschutzgebiet, in dem einige hundert einer speziellen Unterart von Kiwis (der Vögel, nicht der Menschen) leben; die wenigen Fahrzeuge auf der Strasse fahren denn auch entsprechend vorsichtig. Okarito selbst liegt dann wirklich weit ab der Welt: ohne irgend eine Einkaufsmöglichkeit, ohne Pub, Restaurant oder Cafe, ja sogar ohne Tankstelle, besteht der Ort aus den wenigen Häusern und der Abwesenheit beinahe jeglichen Zivilationslärms. Ab und an soll diese Stille durch ein Flugzeug durchbrochen werden, aber leider wurden wir nicht Zeuge einer Landung auf dem «International Airport» – ja wir standen sogar wagemutig in der Mitte der Landepiste, einem mehr oder minder flachen Stück Wiese, als die Sonne dahinter unterging.
Gleich neben dem Örtchen führt ein sehr alter (das heisst hierzulande: mehr als hundert Jahre alt), sehr steiler Weg zu einer spektakulären Aussichtsplattform, von der aus das Panorama über die in der Ferne weiss leuchtenden Südalpen, die aus dem sich so weit das Auge reicht darunter erstreckenden Regenwald herausrecken, der stillen Lagune neben Okarito bis zum Strand mit dem tosenden Meer reicht – der Anblick ist bei dem absolut klaren Sonnenwetter, welches wir offenbar mit viel Glück vorgefunden hatten, atemberaubend.

Hinter einer Düne gleich vor Okarito schäumt das wilde und offenbar fischreiche Tasmanische Meer – wir haben eine lokale Farmerfamilie beobachtet, welche mit Kind und Kegel zum Fischen an den Strand gekommen war, und die innert kurzer Zeit mindestens sechs Reef Sharks an Land zog. Dabei war es interessant zuzusehen, wie das Wissen über das Fischen weitergegeben wird – auch die Jüngsten kriegten eine Angelrute und zogen unter der Anleitung des aus der Ferne brüllenden Vaters (der in Aussehen, Tonart und vorallem Haltung erstaunlich an Lee Ermey als Drill Sergeant in Stanley Kubricks «Full Metal Jacket» erinnerte) ziemlich grosse und kräftig um sich schlagende Fische an Land.

Fortsetzung: Harihari bis Punakaiki.